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Test: 9 Enduro-MTBs um 5000 Euro (2017)

MTB-Test: 9 Enduros um 5000 Euro

Enduro-MTBs waren einst die Bikes für wahre Könner. Für Mountainbiker, die technische verblockte Trails lieben, die für die meisten zu verzwickt sind. Das Blatt hat sich gewendet. Die satten Fahrwerke aktueller 160/170-mm-Enduros tragen Fahrer und Bike fast von alleine den Berg runter. Wir haben 9 Modelle getestet Vergleichbare Produkte im Test

Von uns getestet: 9 Enduros um 5000 Euro

  • Enduros sind aufs Abfahren ausgerichtete Bikes, deren Geo und Fahrwerk selbst mit ruppigstem Gelände zurechtkommen.
  • 160 mm Federweg ist klassenüblich, viele Enduros setzen inzwischen auch auf 170 mm – und wildern so schon im Freeride-Segment.
  • Im Schnitt wiegen die neun Enduros 13,6 Kilo, was für die Kategorie sehr gut ist. Dadurch sind alle Testbikes auch auf langen, alpinen Touren problemlos einsetzbar.
  • Garant für die niedrigen Gewichte sind die Carbon-Rahmen und die meist hochwertigen Parts. Dafür kosten die edlen Bikes aber auch um 5000 Euro.

Das Testfeld im Überblick

Hersteller und Modell / Link zum Testbericht Preis Testurteil
Canyon Strive CF 9.0 Race (2017) 4999 Euro Überragend
Focus Sam C Factory (2017) 4999 Euro Sehr gut
Ghost Path Riot 8 UC (2017) 5499 Euro Sehr gut
Giant Reign Advanced 1 (2017) 4999 Euro Sehr gut
Propain Tyee Carbon Race (2017) 4999 Euro Sehr gut
Radon Swoop 170 10.0 HD (2017) 4899 Euro Sehr gut
Rocky Mountain Slayer 750 MSL (2017) 5499 Euro Sehr gut
Specialized Enduro Elite Carbon 650B (2017) 4699 Euro Sehr gut
YT Capra CF Pro Race (2017) 4499 Euro Sehr gut

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European Enduro Series? Für 2017 abgesagt. Specialized Sram Enduros Series? Auch abgesagt. Enduro World Series? Die Champions League der Enduristen gibt es noch, sie führt aber ein eher verborgenes Dasein. Ist der Enduro-Trend der vergangenen Jahre also vorbei? Sind die wuchtigen Enduro-Mountainbikes mit ihren schluckfreudigen 160 bis 170-mm-Fahrwerken schon wieder „out“?

Ja und nein. Tatsächlich haben Enduro-Rennen vor allem bei Hobbyfahrern nicht den von den Veranstaltern und der Bike-Industrie erhofften Boom ausgelöst. Die Enduro-MTBs selbst aber sind potenter denn je – und damit nicht nur für Rennpiloten und Fahrtechnikgötter mehr als einen Blick wert. Denn vor allem im alpinen, anspruchsvollen Gelände sind sie quasi Doping für die eigenen Fahrkünste, machen das (eigentlich fahrtechnisch) Unmögliche möglich. Und das bei voller Touren-Tauglichkeit, sofern das Gewicht nicht zu hoch ist.

Enduro kehrt damit auch zu seinen Ursprüngen zurück, ist eben mehr ein Abenteuer- als ein Rennsport. Der wahre Endurist sucht sich seine Herausforderungen auf verborgenen Trails, an denen Sekundenjagden schon wegen des Geländes ausgeschlossen sind. Er zirkelt um enge Kurven und manövriert steilste Felsstufen runter, legt dabei viel Wert auf Bike-Beherrschung.

Doch sind die gerade angesagten, aus dem Rennsport stammenden, sehr langgestreckten und flachen Geometrien dafür eigentlich optimal? Und was ist mit den ebenfalls aufkommenden Enduro-Bikes mit noch üppigeren Federwegen von 170 mm, die einige Hersteller auch als Super-Enduro anpreisen? Das Thema Enduro ist ein weites Feld, in dem die Orientierung schwer fällt.

So sieht das optimale Enduro-Bikes aus



Geringe Gewichte machen Enduro-Bikes flott

Wir haben uns natürlich trotzdem daran gewagt und neun aktuelle Enduros um 5000 Euro in Labor und Praxis getestet. Die Gewichte sind dabei über jeden Zweifel erhaben: 13,6 Kilo im Schnitt bei Rahmengröße L – ein Topwert, der natürlich auch an der hohen Preisklasse liegt. Aber: Wer ein wirklich voll Touren-taugliches Enduro-Mountainbike sucht, wird erst in dieser Klasse fündig, billigere Modelle sind oftmals viel zu schwer. Asketischstes Testbike ist das Propain Tyee Carbon Race, das mit 12,8 Kilo selbst für ein All-Mountain oder Tourenfully noch als recht leicht durchgehen würde. Auch top: Kein Bike wiegt über 14 Kilo.

Neben einem geringen Gewicht müssen aber auch die Geometrie und das Fahrwerk „passen“, um mit einem federwegsreichen Bike ohne Herzinfarktgefahr stundenlang pedalieren zu können. Umso schöner, dass gleich mehrere Testbikes besser und flinker klettern als erwartet. Teilweise geht es mit diesen Dampfhämmern richtig stramm bergauf.

Dazu sind technische Kniffe natürlich erlaubt: Canyon etwa erreicht das Klettergeschick des Canyon Strive CF 9.0 Race durch dessen „Shapeshifter“-Technik, welche auf Knopfdruck den Heckfederweg verknappt, die Geometrie steiler und damit Uphill-freundlicher stellt. Die Konkurrenz setzt zumeist von Hause aus auf steile Sitzwinkel von mindestens 75°, die dem Biker den perfekten Pedaldruck ermöglichen. Weil dann auch recht viel Last auf der Front liegt, bleibt diese trotz der trendigen kurzen Kettenstreben sicher auf dem Boden.

Ansatzweise schlecht klettert keines der Enduro-Bikes aus dem Testfeld! Gut auch, dass fast kein Hinterbau störend wippt. Im Gegenteil, meistens arbeiten sie in der Ebene effizient, aber traktionsstark auf dem Trail. Dass sowas auch mit aufgeblasenen 170-mm-Fahrwerken gelingen kann, zeigen das Radon Swoop 170 10.0 HD und das Specialized Enduro Elite Carbon 650B fast perfekt.

Bergab zeigen sich die Enduro-Bikes uneinheitlich

In Sachen Handling, speziell im Downhill, sind die Unterschiede aber doch enorm. Das Rocky Mountain Slayer 750 MSL geht fast mehr als Freerider denn als Enduro durch. Das Rocky Mountain Slayer 750 MSL frisst mit 170 mm Hub alles auf, was sich ihm in den Weg stellt. Dazu liegt es ungemein spurtreu auf dem Trail. Auch das YT Capra CF Pro Race zeigt sich bergab extrem potent, bleibt dabei aber erfreulich drehfreudig. Schade nur, dass das Heck beim Kurbeln den Vortrieb gerne mal selbst schluckt.

Das Radon Swoop 170 10.0 HD passt mit mächtigem 170-mm-Fahrwerk und sehr gestreckter Geo ebenfalls zu diesen „Mini-Downhillern“, auch das Giant Reign Advanced 1 ist eher extrem geschnitten mit flachem Lenkwinkel und üppigem Radstand . Enduro-Einsteigern schenken die meisten dieser Bikes mit ihren sänftenartigen Federungen durchaus Vertrauen. Kommt eine arg lang-flache Geometrie dazu, kann das aber überfordern. Denn diese Langschiffe benötigen hohes Tempo, um agil ums Eck zu wedeln, bei gemächlicher Fahrt werden sie kipplig.

Einmal mehr haben uns daher die vielseitigeren und damit für alle Könnensstufen zugänglicheren Enduro-Bikes am besten gefallen. Eben die „klassischen“ Enduros wie das Canyon Strive CF 9.0 Race oder das Specialized Enduro Elite Carbon 650B, die im Flachen schnell und ausdauernd sind, die steilste Kletterpassagen nicht scheuen, die Agilität und Laufruhe perfekt mixen – und die bergab einfach nur sauviel Spaß machen. Einen wirklichen Ausreißer nach unten hatten wir in diesem Testfeld aber nicht. Vor allem die Federelemente der Bikes sind Spitze, arbeiten sensibel und schluckfreudig. Kaum auszumalen, in welche Sphären die Enduro-Cracks damit vordringen.

Steifigkeiten und Gewichte der getesteten Hardtails

Lenkkopfsteifigkeit: Eine hohe Lenkkopfsteifigkeit sorgt für ein präzises und direktes Handling, ein zu hartes Bike verzeiht jedoch Fehler weniger. Werte zwischen 60 und 100 Nm/° definiert MOUNTAINBIKE auch für schwere Fahrer als ideal. Alle Bikes schaffen den grünen Bereich. Teils eher am unteren Ende, was in der Praxis aber nicht auffiel.

Foto: MOUNTAINBIKE

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Gewichte: Die mit Präzisionswaagen ermittelten Werte zeigen, wie sich das Gewicht verteilt. Im Schnitt wiegen die Bikes 13,6 Kilo. Für Enduros ist das ein ordentlicher Wert, der für eine noch gute Touren-Tauglichkeit spricht. Alle Bikes haben eher stabile und schwere Laufräder – für die Kategorie üblich und sinnvoll.

1 Inkl. Federbein, Steckachse, Schaltauge, Zugführung, Flaschenhalterschrauben, fixem Rahmenschutz etc. 2 Inkl. Steckachse 3 Kompletter Laufradsatz, dazu Mantel, Schlauch (oder Milch+Ventile), ggf. Dichtband, Kassette und Bremsscheiben mit VerschraubungFoto: MOUNTAINBIKE

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Punktevergabe und Bewertung

Jedem MOUNTAINBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punktematrix zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, gibt es die Ergebnistabelle bereits seit der letzten Saison zum Nachlesen.

Wie jedes Jahr haben wir die Kategorien 2017 auf die Entwicklungen der Saison angepasst. Außerdem bewerten wir die Bikes etwas strenger. Es wird für die Hersteller jetzt schwerer, eine „überragende“ Bewertung zu bekommen. Im Umkehrschluss bedeutet „gut“ dann, dass das Bike auch wirklich eben gut und kein Reinfall ist. Die Unterschiede zwischen einem „sehr guten“ Bike mit 220 Punkten und einem „sehr guten“ Rad mit 200 Punkten sind ebenfalls deutlicher bemerkbar. Modelle im unteren „sehr guten“ Bereich sind oft nicht so ausgewogen, dafür ist eine Charaktereigenschaft wie Downhill oder Vortriebseffizienz bisweilen stark ausgeprägt.

Die Höchstpunktzahl bleibt 250 – aufgeteilt auf zwölf Bereiche.

Ganz wichtig: Die jeweilige Gewichtung, wenn etwa für Downhill 20 oder aber 30 Punkte verteilt werden, passen wir auf das jeweilige Testfeld an. Nur so lassen sich Räder innerhalb der völlig unterschiedlichen Kategorien bewerten und vergleichen.

Der Fokus bei den Enduros liegt auf dem Handling und dem Fahrspaß. Zudem müssen die Bikes auf jeden Fall im Downhill überzeugen. Rund ein Drittel der Punkte (Gewicht Bike, Gewicht Rahmen, Rahmensteifigkeit, Ausstattung, Verarbeitung/Sonstiges) resultieren aus Laborergebnissen und der eingehenden Analyse unserer Techniker. Die anderen Punkte berechnen sich aus den (nicht abgebildeten) Einzelnoten der vier Testfahrer, die beim Praxistest unterwegs waren.

Logo, das Bike mit den meisten Punkten erhält am Ende den Testsieg. Zudem vergeben wir einen zusätzlichen Tipp für das oder die Bike(s) mit einem herausragenden Preis-Leistungs-Verhältnis.

Punktevergabe und Bewertung der Testbikes (für Großansicht auf die Grafik klicken)Foto: MOUNTAINBIKE

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So haben wir die Enduro-Bikes getestet

Auswahl: Das Testfeld entsteht in langen Diskussionen in der Redaktion. Wichtige Punkte sind dabei etwa das vorher festgelegte Preisfenster oder natürlich das Einsatzgebiet. Außerdem achten wir darauf, möglichst neue und/oder innovative Bikes aufzunehmen. Die Bikes werden bei den Herstellern angefordert, müssen drei Monate bei uns bleiben, ehe sie retourniert werden.

Für diesen Enduro-Test fragten wir 12 Hersteller an, neun folgten dem Ruf. Merida, Liteville und Santa Cruz sagten ab. Das One-Sixty von Merida ist derzeit noch nicht als Testrad verfügbar. Liteville und Santa Cruz wollten in dieser, für sie niedrigen Preisklasse, nicht teilnehmen.

Praxistest: Außer dem Testleiter sind bei jedem Biketest drei erfahrene Tester am Start. Jeder Tester fährt mit jedem Bike mindestens einmal über einen zur Kategorie passenden Kurs.

Den ersten Testdurchlauf in Latsch in Südtirol mussten wir im Januar abbrechen, weil wir die einzigen Schneetage des Jahres im Vinschgau erwischt hatten ... Fortgesetzt haben wir den Test in Sasbachwalden am Westhang des Schwarzwalds. Alle Bikes wurden bei konstant trockenen Bedingungen gefahren. Nach jeder Runde notieren wir Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortrieb, Downhill oder Handling. Diese Bewertungen werden nach Ende des Praxistests besprochen und auf ungewöhnliche Abweichungen hin überprüft.

Labortest: Unsere Techniker wiegen alle Bikes und zerlegen sie in ihre Einzelteile. Die Rahmen werden (wie Gabeln und Laufräder) einzeln gewogen, danach vermessen. Die Gewichte und Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern jeweils von uns ermittelt. Die Parts werden notiert und mit den Herstellerangaben verglichen. Anschließend vermisst unser Laborchef Haider Knall und sein Team auf Prüfständen des renommierten EFBE-Instituts die Steifigkeiten. Diese Werte fließen in die Bewertung der Bikes mit ein.

Der Enduro-Biketest im Detail

Das Spinnennetz weiter unten auf dieser Seite zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Bikes in Relation zum Testumfeld liegen. Je größer der Ausschlag in eine der acht Richtungen, desto prägender der Charakterzug. Ein Allrounder weist rundum eine große Fläche, ein Spezialist eine verschobene Grafik auf. Die jeweiligen Eigenschaften wie Up- oder Downhill sind meist gegensätzlich angeordnet. So siehst du auf einen Blick, welches Profil das Bike aufweist.

Die Grafik unten zeigt ein eher abfahrtslastiges Bike mit potentem Fahrwerk – keinen wuseligen Sprinter. Und das versteckt sich hinter den Begriffen:

  • Uphill/Vortrieb: Passt die Traktion? Steigt die Front? Ist die Sitzposition im steilen Anstieg optimal? Ein niedriges Gewicht steigert den Ausschlag im Profil ebenso wie die Rollfreudigkeit von Laufrädern/Reifen.
  • Downhill: Ein sicheres Handling ist das A und O, damit ein Bike bergab performt. Dazu fließen die Federung sowie einige Parts wie das Cockpit, die Reifen oder die Bremsen in das Downhill-Profil ein.
  • Ausstattung: ... umfasst sämtliche Parts wie Schaltung, Antrieb, Federelemente, Laufräder, Reifen oder Anbauteile à la Sattel, Griffe, Cockpit. Aber wir bewerten auch gelungene und innovative Detaillösungen.
  • Rahmen/Fahrwerk: Ein top gemachter Rahmen mit geringem Gewicht, hohen Steifigkeiten und perfektem Fahrwerk bildet die Basis für das perfekte Bike.
  • Laufruhe: Hohe Spurtreue bringt Sicherheit bergab, kann unter Umständen aber ins Träge kippen, speziell wenn der Profiler einen geringen Ausschlag zeigt in Sachen Wendigkeit.
  • Wendigkeit: Je wendiger ein Bike, desto agiler, spielerischer lässt es sich bewegen. Ein Ausschlag nur in diese Richtung (ohne hohen Ausschlag bei Laufruhe) lässt jedoch auf Nervosität schließen.
  • Robustheit: Liegt der Fokus bei Rahmen und Parts weniger auf Leichtbau, sondern auf Solidität, steigt der Ausschlag der Grafik. Der Gegenpart ist Leichtbau.
  • Geringes Gewicht: Niedriges Rahmen-, Parts- und Gesamtgewicht lassen auf ein spritziges, leichtfüßiges, in der Ebene wie im Uphill ausgezeichnetes Bike schließen.

Foto: MOUNTAINBIKE

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Die Enduro-Bikes im Test:


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