Fazua: Innovative E-Bike-Antriebe aus Deutschland

Fazua Antrieb: Interview Felix Kufner 2019
Foto: Daniel Geiger

Der junge Münchener E-Antriebshersteller führt seine Erfolgsgeschichte fort: Immer mehr Serienräder sind mit dem speziellen Fazua Evation Antrieb verfügbar. Felix Kuffner, Head of Marketing, bezieht im exklusiven MOUNTAINBIKE-Interview Stellung zum aktuellen Stand von Fazua in Sachen Technologie, Unternehmen und Marktabdeckung.

Anfang 2017 sorgt ein Münchener Startup in der Bikewelt für Furore. Der kleine E-Antriebhersteller betritt endgültig den Markt. Der 2016 noch im Focus Project Y auf der Eurobike als Studie präsentierte Evation-Antrieb hat Marktreife.

Das ist der Fazua Evation-Antrieb + erster Test

Der gesamte Antrieb soll samt Akku, Motor und Elektronik nur 3,2 kg auf die Waage bringen. Der besondere Clou: Motor, Akku (250 Wh) und Getriebe bestehen aus einer Einheit, die im Unterrohr versteckt ist. Per Knopfdruck können Motor und Akku entnommen werden. Branchengrößen wie Bosch, Yamaha oder Shimano können mit diesem geringen Komplett-Gewicht nicht mithalten - auch weil die Big Player auf höhere Akku-Kapazitäten bauen und damit mehr Gewicht in Kauf nehmen müssen.

Wie gelingt es Fazua, den Antrieb so schlank zu gestalten? Die Bayern verfolgen ein anderes Konzept des E-Bikens. Das System bietet weniger Reichweite und Power als die bekannten Antriebssysteme auf dem Markt. Besonderer Clou am Fazua evation-Antrieb: Er koppelt bei Erreichen der unterstützten Maximalgeschwindigkeit von 25 km/h einfach aus. Anders als bei manchen bekannten Mittelmotoren tritt man nicht gegen einen Widerstand, auch nicht bei abgeschaltetem Motor. Das niedrige Systemgewicht trägt zum spritzigen Fahrverhalten auch bei. Der Fahrspaß wird bei den Münchnern großgeschrieben.

Foto: Daniel Geiger
Formschön im Unterrohr verbaut und komplett entnehmbar: Der Fazua-Antrieb.

Eine Nische, die zu wachsen scheint: Als erster Bike-Hersteller zeigt Focus mit dem E-Racehardtail Raven² ein serienreifes Rad. Weitere Hersteller wie Bulls, Storck, Pinarello oder Cube folgen dem Lightrider-Trend. So bietet der Antrieb maximal 60 Newtonmeter-Drehmoment. Als Nennleistung werden 250 Watt angegeben, 400 Watt sollen es maximal sein.

Unseren ersten Test vom Fazua-Antrieb am Focus Raven, gibt es hier.

Felix Kuffner, Head of Marketing im Interview

Foto: Fazua
Felix Kuffner leitet das Marketing beim jungen Münchener Start-up.

MOUNTAINBIKE: Der große Trend bei E-Bikes geht in Richtung mehr Leistung und mehr Reichweite. Warum geht ihr bewusst gegen den Trend?

Felix Kuffner: "Als Hannes (Gründer und Kopf hinter Fazua) vor sechs Jahren angefangen hat den evation Antrieb zu entwickeln, war seine Grundmotivation das Fahrgefühl des normalen Radfahrens mit modernster Antriebstechnik zu kombinieren. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Großteil unserer Mitarbeiter sind junge passionierte Mountainbiker und Rennradler. Wir wollen, dass sich ein eBike genauso anfühlt wie unsere normalen Bikes, nur mit etwas stärkeren Beinen. Im Prinzip kann man momentan den Beginn einer Gegenbewegung im Antriebsmarkt zum Wettrüsten der vergangenen Jahre beobachten. Die klassischen Bikeeigenschaften wie Gewicht, Fahrdynamik und Optik spielen eine immer größere Rolle bei der eBike Auswahl. Genau in diese Kerbe schlagen wir."

Foto: Hersteller
E-MTB kann auch leicht sein. Das Focus Raven² wiegt nur 14kg.

Entkopplung ab 25 km/h und Leichtbau: Seht ihr euch eher im sportiven Einsatz von E-Bikes oder im typischen Commuter-Bereich?
Felix Kuffner: Beides! Mittlerweile decken wir ca. 80% des eRoadbike Segments ab. Diese relativ neue Nische ist für uns als jungen Antriebshersteller sehr interessant, da es uns erstmal von anderen Herstellern unterscheidet und zeigt, dass es möglich ist Hardcore Rennradler mit unserem Ansatz vom Konzept eRoadbike zu überzeugen. Gleichzeitig werden wir auch in den anderen Marktsegmenten stärker. Es gibt bereits einige Commuter, die besonders Ästheten im Auge haben. Im Sommer werden wir mit einem großen Kunden ein Urbanbike vorstellen, welches sich genau an die Menschen richtet, bei denen der Style des Fahrrads ihren eigenen ästhetischen Ansprüchen entsprechen muss. Wir holen diese Zielgruppe, die sich langsam anfängt im Dschungel der Antriebshersteller zu orientieren, mit unserem schlanken und integrativen Ansatz ab.

E-Bikes für den sportiven Einsatz: Seht ihr euren Antrieb eher in E-MTB oder E-Rennrad Richtung?

Felix Kuffner: Unser Antrieb funktioniert perfekt in Bereichen in denen Gewicht, Integration und Effizienz vereint die entscheidende Rolle spielt. Deswegen sind wir mittlerweile in allen Kategorien vertreten (selbst Kinderbikes kommen bald). Was uns besonders freut sind die leichten Fullys die nun mit unserem Antrieb ausgestattet werden. Im Enduro und XC Bereich sehen wir uns absolut. Downhillbikes wird es aber in all zu naher Zukunft nicht mit unserem Antrieb geben.

Foto: Christiane Rauscher
Auch Bulls setzt im kommenden Modelljahr einige Modelle mit Fazua-Antrieb ein: Bei den boomenden E-MTB und auch bei einigen E-Rennrädern.

Welche Modelle gibt es konkret (Stand Februar 2019) beim Händler mit eurem Antriebssystem zu kaufen?

Felix Kuffner: Von Fazua gibt es momentan das evation 1.0 im Handel. Natürlich arbeiten wir an Folgegenerationen und entwickeln auch das bestehende System permanent weiter. Alle aktuellen Bikes mit unserem Antriebssystem findest du hier.

Im E-Rennradbereich will Fazua laut eigenen Angaben 80% der aktuell erhältlichen E-Rennern abdecken.

Werden weitere Bikehersteller 2019 eure Antriebe verbauen und in Bikes vorstellen?

Definitiv! Zu den bereits etablierten Projekten unserer 28 Kunden gesellen sich weitere große Namen. Auch mit innovativen kleineren Marken wird es spannende Bikes ab Mitte 2019 zu sehen geben. Interessant ist vielleicht noch, dass sich die Bandbreite der Bikekategorien weiterhin vervielfältigen wird, so dass wir stärker im eMountainbike und auch im eUrban Markt vertreten sein werden.

Foto: Daniel Geiger
Kompakt aber oho: Der Motor mit Akku und Antriebseinheit.

Wie und wo produziert ihr eure Antriebe/Akkus?
Wir produzieren alle unsere Antriebe in unserem Headquarter in Ottobrunn bei München. Dort verarbeiten wir die von uns entwickelten Einzelteile, die wir ebenfalls überwiegend aus der näheren Umgebung und Deutschland beziehen. Der Akku selbst kommt von Accurate aus Stuttgart. Wir sind sehr stolz auf unser „Made in Germany“ Prädikat.

Eure Firma ist in den letzten Jahren extrem gewachsen und ihr seid umgezogen. Wie viele Mitarbeiter habt ihr aktuell und wie sehen weitere Expansionspläne aus?

Da wir Produktion und Büros unbedingt im selben Gebäude behalten wollten sind wir im März 2018 von München nach Ottobrunn gezogen. In dem vierstöckigen Gebäude beheimaten wir nun unsere zwei Produktionsstraßen und zwei Stockwerke mit Büros von Entwicklern, Service, Einkauf, QM, Verwaltung, Vertrieb und Marketing.

Mittlerweile arbeiten 70 Mitarbeiter bei Fazua und es wird rechnerisch jede Woche ein neuer Kollege eingestellt, so dass wir im Oktober den 100. Fazua Mitarbeiter feiern dürfen. Unser Ansatz ist gesunden Wachstum mit dem Aufrechterhalten der Start-up Vorteile zu paaren. So haben wir hier z.B. 8 verschiedene Sportgruppen, Deutsch- und Englischkurse, eine große Gemeinschaftsküche, drei Bürohunde und 14 Nationalitäten unter einem Dach. Dieser Mix aus Start-up Kultur und mittelständischer Professionalität ist ein fester Bestandteil unserer Wachstumsstrategie.

Wie läuft der Aufbau der Service-Infrastruktur?
Wir arbeiten innerhalb der EU mit unseren Servicepartnern zusammen, die wir auf unseren Schulungstourneen quer durch Europa ausbilden. Mit Abschluss der gerade laufenden Tour werden wir ca. 400 Fazua Servicepartner zertifiziert haben. Innerhalb der Schweiz, USA und Kanada sind wir gerade in finalen Gesprächen mit Servicedienstleistern, die dann für uns den Service in den jeweiligen Ländern anbieten werden. Wir bieten außerdem einen Helpdesk in fünf Sprachen für Händler und auch Endkunden an. Für den südeuropäischen Raum gibt es eine eigene Dependance in Nizza.

Wie läuft die Produktion euer Antriebssysteme aktuell?
Unser Standort in Ottobrunn läuft momentan noch im Ein-Schicht-Betrieb. Dort arbeiten ca. 20 Mitarbeiter in Vollzeit. Vor unserer Markteinführung im Sommer 2017 haben wir uns noch stark damit beschäftigt die Prozesse und Werkzeuge so effizient wie möglich zu gestalten. Zu der Zeit legten unsere Entwicklungsingenieure allesamt selbst Hand an, um den Antrieb, die Konstruktion und die Arbeitsschritte bestens aufeinander abzustimmen. Mit dem Kalenderjahr 2018 haben wir unsere Stückzahl dann mit festen Produktionsmitarbeitern verzehnfacht und werden sie im Kalenderjahr 2019 erneut verdoppeln.

Foto: Christiane Rauscher
Never change a running system: Fazua bleibt bei seinem Konzept und wird auch in Zukunft kein vollwertiges Display für seine Antriebe anbieten.

Die Displays und Konnektivität der Antriebe werden vielen E-Bikern immer wichtiger: Plant ihr euch dort moderner aufzustellen, auch in Hinblick auf Mittbewerber wie Kiox(Bosch) oder Cobi?

Auch hier verfolgen wir den Ansatz, dass wir das eBiken so natürlich wie möglich halten wollen, deswegen haben wir kein Display an unserem Remote. Wir bieten aber auch eine Lösung für alle Fahrer an, die mehr Infos während der Fahrt benötigen. Die Fazua App gibt es frei erhältlich und kann schnell und unkompliziert mit Smartphone und Antrieb gekoppelt werden. So können die Antriebsdaten wie Temperatur, Akkuladestand, eingestellte Unterstützungsstufe zusammen mit GPS Daten und der Geschwindigkeit in Echtzeit ausgegeben werden. Ein besonderes Schmankerl gibt es bald in der Premium Version der App: Eine Powermeterfunktion, die die exakten Daten der Fahrerleistung anzeigt.