Mountainbikes im Test: 10 Tourenfullys mit 29-Zoll-Laufrädern (2017)

MTB-Test: 10 Tourenfullys ab 3000 Euro

Test Tourenfully
Foto: Daniel Geiger

Wir haben haben 10 vollgefederte Touren-MTBs mit 29-Zoll-Laufrädern und Federwegen bis 130 mm getestet. Die Mountainbikes im Test liegen preislich zwischen 3000 und 4000 Euro. Vergleichbare Produkte im Test

MTB-Touren haben sich aber verändert. Immer noch sehnt sich kein Touren-Mountainbiker nach hohen Drops oder verblockten Passagen. Doch es geht verstärkt darum, den Tourenspaß auf schmalen Pfaden im Gelände möglichst schotterstraßenfrei zu gestalten – und zwar bergauf wie bergab. Und genau dafür sind die Mountainbikes aus unserem Testfeld gemacht. Mit 29-Zoll-Laufrädern und Federwegen bis 130 Millimetern sollen sie die perfekten Begleiter für MTB-Touren mit hohem Trailanteil sein. Wir haben 10 Modelle in der Preiskategorie 3.000 bis 4.000 Euro getestet.

Fünf von zehn Bikes aus dem Testfeld rollen mit 130-mm-Gabeln an, was in Kombination mit dem guten Überrollverhalten der 29"-Laufräder auf enorme Schluckfreude hindeutet. Bei den Mountainbikes im Test mit „nur“ 120 Millimeter Federweg staunt man dagegen etwa über Gabeln, die bislang All-Mountains vorbehalten waren – etwa die 34er-Gabel von Fox. Sogar die einst für Enduros entwickelte Pike von Rock Shox hat es in das Segment geschafft. Wenn das mal nicht eine klare Ansage in Richtung Trail-Performance ist.

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Keine Angst, wir haben den Test nicht auf die Downhill-Qualitäten getrimmt. Die Anforderungen an die vollgefederten Touren-MTBs bleiben gleich. Denn die Bikes aus der Kategorie sind bei Mountainbikern vor allem wegen ihrer Ausgewogenheit beliebt. Gefragt ist weiterhin ein guter Kompromiss aus Effizienz, Zuverlässigkeit, Fahrsicherheit und Komfort. Das Bike muss somit Strecke machen, ohne zu viel Kraft aus den Waden zu saugen, den Biker mit einer komfortablen, nicht zu sportlichen Position ins Bike betten. In Kurven sollte das Bike willig einlenken, und das Fahrwerk sollte grobe Schläge vom Biker fernhalten, ohne durch Wippen Vortriebseffizienz zu vergeuden.

Sind das also MTB-Modelle, die alles können sollten, aber nichts so richtig gut? Wir waren sichtlich überrascht, wie souverän die meisten Mountainbikes diesen Spagat meistern. Vor allem die Fahrwerke überzeugen, bieten Traktion satt ohne energiehungriges Wippen. Blockieren mussten wir den Dämpfer selten.

Wobei Vortriebskraft nicht immer mit Sprintfreude übersetzt werden kann. Dafür trägt der Großteil der getesten Tourenfullys zu viele Pfunde mit sich herum. Alle Mountainbikes im Test wiegen deutlich über zwölf Kilo. Ein Wert, der bislang als Benchmark für ein wertiges Tourenfully galt. Doch stabilere Gabeln, große Laufräder, breitere Reifen und Vario-Stützen erklären das vermeintliche Übergewicht von etwa einem Kilo schnell. Was aber nur zum Teil das hohe Gewicht erklärt: Denn nur ein Laufradsatz im Test schafft es knapp unter die 4-Kilo-Marke.

Mit entsprechenden Auswirkungen auf das Fahrverhalten: Schwere Laufräder beschleunigen träger und verlangen nach mehr Nachdruck bei Richtungswechseln. Im Gegenzug rollen sie, einmal beschleunigt, konstant, laufruhig und spurtreu am liebsten über nicht allzu sehr verwinkelte Trails.

Die meisten MTB-Modelle im Test folgen aktuellen Geometrie-Trends. Insbesondere die teils recht flachen Lenkwinkel bringen Stabilität, so dass man mit Schmackes über ruppige Passagen brettern kann. Dass manches Mountainbike aus dem Testfeld dennoch recht flink um Kehren zirkelt, ist den kurzen Kettenstreben zu verdanken – eine Geo-Leihgabe von Enduros. Wendige Kurvenflitzer wie Tourenfullys oder All-Mountains mit 27,5"-Laufrädern werden sie dadurch dennoch nicht.

Tourenfullys im Test: Sind sie ihr Geld wert?

Wer zwischen 3000 und 4000 Euro für ein Tourenfully ausgibt, darf von seinem MTB eine angemessene Ausstattung erwarten. Und wird auch meist nicht enttäuscht, wie die Testberichte zu den Bikes verraten. Sehr gute Federelemente überwiegen, XT-Antrieb/Schaltung ist fast Standard. Tourenbiker wünschen sich eine möglichst breitbandige Schaltung, und werden nicht enttäuscht: An acht von zehn Bikes kommt eine 2 x 11-Schaltung zum Einsatz. Bezeichnenderweise sind es die bergablastigen Mountainbikes, wie etwa das Drössiger XMA Flow Select 1 und das Norco Optic C9.3, die lediglich eine 1 x 11-Gruppe bieten.

Steifigkeiten und Gewichte der getesteten Tourenfullys

Lenkkopfsteifigkeit: Eine hohe Lenkkopfsteifigkeit sorgt für ein präzises und direktes Handling – das Bike tanzt quasi nicht aus der Reihe. Werte über 60 Nm/° definiert MOUNTAINBIKE selbst für schwere Fahrer als ausreichend. Das Ghost SL AMR 7 LC und das Radon Skeen Trail 10.0 schaffen den Wert nicht, was in der Praxis zumindest beim Ghost SL AMR 7 LC weniger negativ auffiel.

Foto: MOUNTAINBIKE

Gewichte: Die mit Präzisionswaagen ermittelten Werte zeigen, wie sich das Gewicht verteilt. Das Rahmengewicht geben wir mit Dämpfer an. Die Messwerte zeigen, dass die Pfunde manchmal in der Ausstattung stecken. Das Norco Optic C9.3 kommt zum Beispiel auf das zweithöchste Gesamtgewicht – trotz eher leichtem Rahmen.

Foto: MOUNTAINBIKE
1: Inkl. Federbein, Steckachse, Schaltauge, Zugführung, Flaschenhalterschrauben, fixer Rahmenschutz etc. 2: Inkl.Steckachse und Doppel-Remote (Ausnahme Specialized Camber Comp Carbon 29) 3: Kompletter Laufradsatz, dazu Mantel, Schlauch (oder Milch+Ventile), ggf. Dichtband, Kassette und Bremsscheiben mit Verschraubung

Tourenfully-Test: Punktevergabe und Bewertung

Jedem MOUNTAINBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punktematrix zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, gibt es die Ergebnistabelle bereits seit der letzten Saison zum Nachlesen. Wie jedes Jahr haben wir die Kategorien 2017 auf die Entwicklungen der Saison angepasst. Außerdem bewerten wir die Bikes etwas strenger.

Es wird für die Hersteller jetzt schwerer, eine „überragende“ Bewertung zu bekommen. Im Umkehrschluss bedeutet „gut“ dann, dass das Bike auch gut ist. Die Unterschiede zwischen einem „sehr guten“ Bike mit 220 Punkten und einem „sehr guten“ Rad mit 200 Punkten sind deshalb aber deutlicher bemerkbar. Modelle im unteren „sehr guten“ Bereich sind oft nicht so ausgewogen, dafür ist eine Charaktereigenschaft wie Downhill oder Vortriebseffizienz bisweilen stark ausgeprägt. Die Höchstpunktzahl bleibt 250 – aufgeteilt auf zwölf Bereiche.

Ganz wichtig: Die jeweilige Gewichtung, wenn etwa für Downhill 20 oder aber 30 Punkte verteilt werden, passen wir auf das jeweilige Testfeld an. Nur so lassen sich Räder innerhalb der völlig unterschiedlichen Kategorien bewerten und vergleichen.

Die Bikes aus diesem Testfeld sind als Tourenfullys echte Allrounder. Deshalb ist es wichtig, dass das Verhältnis zwischen Vortriebseffizienz, Downhill, Uphill ausgewogen ist. Rund die Hälfte der Punkte (Gewicht Bike, Gewicht Rahmen, Rahmensteiffigkeit, Ausstattung, Verarbeitung/Sonstiges) resultieren aus Laborergebnissen und der Analyse unserer Techniker. Die anderen Punkte berechnen sich aus den (nicht abgebildeten) Einzelnoten der vier Testfahrer aus dem Praxistest. Logo, das punktbeste Bike erhält den Testsieg. Zudem vergeben wir einen zusätzlichen Tipp für das Bike mit einem herausragenden Preis-Leistungs-Verhältnis.

Foto: MOUNTAINBIKE
Punktevergabe und Bewertung der 10 Tourenfullys im Test (für Großansicht auf die Grafik klicken)

So haben wir die 29-Zoll-Tourenfullys getestet

Auswahl: Das Testfeld entsteht in langen Diskussionen in der Redaktion. Wichtige Punkte sind dabei ein vorher festgelegtes Preisfenster oder das Einsatzgebiet. Außerdem achten wir darauf, möglichst neue Bikes aufzunehmen. Die Bikes werden bei den Herstellern angefordert, müssen drei Monate bei uns bleiben, ehe sie retourniert werden. Für diesen Test fragten wir zwölf Hersteller an. Die beiden Absagen begründen sich durch den frühen Testzeitpunkt. Bei Trek und Bergamont standen im November noch keine Bikes in den Rahmengrößen im Lager, die wir für den Test gebraucht hätten.

Praxistest: Außer dem Testleiter sind bei jedem Biketest drei erfahrene Tester am Start. Jeder Tester fährt mit jedem Bike mindestens einmal über einen zur Kategorie passenden Rundkurs. Nach jeder Runde notieren die Fahrer ihre Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortriebseffizienz, Downhill oder Handling. Diese Bewertungen zu allen Bikes werden nach Ende des Praxistests gemeinsam besprochen und auf ungewöhnliche Abweichungen hin überprüft.

Den Test führten wir auf unserer bewährten Teststrecke bei Stuttgart durch. Alle zehn Bikes wurden an drei aufeinander folgenden Tagen bei zwar kaltem, aber gleichbleibendem Wetter und sehr trockenen Bodenverhältnissen gefahren.

Labortest: Unsere Techniker wiegen alle Bikes und zerlegen sie in ihre Einzelteile. Die Rahmen werden (wie Gabeln und Laufräder) einzeln gewogen, danach vermessen. Alle Gewichte sowie die Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern von uns ermittelt. Die Parts werden notiert und mit den Herstellerangaben verglichen. Anschließend vermisst unser Laborchef Haider Knall und sein Team auf Prüfständen des renommierten EFBE-Instituts die Steifigkeiten. Diese Werte fließen wie Gewichte und Ausstattung in die Bewertung der Bikes mit ein.

So sieht das optimale 29er Tourenfully aus

Tourenfullys: Der Biketest im Detail

Die Spinnennetz-Grafik weiter unten auf dieser Seite zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Bikes in Relation zum Testumfeld liegen. Je größer der Ausschlag in eine der acht Richtungen, desto prägender der Charakterzug. Ein Allrounder weist rundum eine große Fläche, ein Spezialist eine verschobene Grafik auf. Die jeweiligen Eigenschaften wie Up- oder Downhill sind meist gegensätzlich angeordnet. So siehst du auf einen Blick, welches Profil das Bike aufweist. Die Grafik unten zeigt ein eher abfahrtslastiges Bike mit potentem Fahrwerk – keinen wuseligen Sprinter. Und das versteckt sich hinter den Begriffen:

  • Uphill/Vortrieb: Passt die Traktion? Steigt die Front? Ist die Sitzposition im steilen Anstieg optimal? Ein niedriges Gewicht steigert den Ausschlag im Profil ebenso wie die Rollfreudigkeit von Laufrädern/Reifen.
  • Downhill: Ein sicheres Handling ist das A und O, damit ein Bike bergab performt. Dazu fließen die Federung sowie einige Parts wie das Cockpit, die Reifen oder die Bremsen in das Downhill-Profil ein.
  • Ausstattung: ... umfasst sämtliche Parts wie Schaltung, Antrieb, Federelemente, Laufräder, Reifen oder Anbauteile à la Sattel, Griffe, Cockpit. Aber wir bewerten auch gelungene und innovative Detaillösungen.
  • Rahmen/Fahrwerk: Ein top gemachter Rahmen mit geringem Gewicht, hohen Steifigkeiten und perfektem Fahrwerk bildet die Basis für das perfekte Bike.
  • Laufruhe: Hohe Spurtreue bringt Sicherheit bergab, kann unter Umständen aber ins Träge kippen, speziell wenn der Profiler einen geringen Ausschlag zeigt in Sachen Wendigkeit.
  • Wendigkeit: Je wendiger ein Bike, desto agiler, spielerischer lässt es sich bewegen. Ein Ausschlag nur in diese Richtung (ohne hohen Ausschlag bei Laufruhe) lässt jedoch auf Nervosität schließen.
  • Robustheit: Liegt der Fokus bei Rahmen und Parts weniger auf Leichtbau, sondern auf Solidität, steigt der Ausschlag der Grafik. Der Gegenpart ist Leichtbau.
  • Geringes Gewicht: Niedriges Rahmen-, Parts- und Gesamtgewicht lassen auf ein spritziges, leichtfüßiges, in der Ebene wie im Uphill ausgezeichnetes Bike schließen.

Die Tourenfullys im Test:

Foto: MOUNTAINBIKE