MTB-Test: 8 All-Mountain-Bikes (2018)

Test: 8 All-Mountains ab 2200 Euro

MountainBike All Mountain Test 2018
Foto: Benjamin Hahn

All Mountain Fullys sind die Aben
teurer unter den Bikes. Ihnen 
ist kein Weg zu weit, kein Trail zu
knifflig, kein Uphill zu steil Doch gilt das auch für vergleichsweise kleines Geld von 2200 bis 2500 Euro? Wir haben sieben All-Mountains getestet - und waren überrascht. Vergleichbare Produkte im Test

Von uns getestet: 8 All-Mountains bis 2500 Euro

  • All Mountains sind per Definition Alleskönner, die bergauf etwa gleich gut sein sollten wie bergab. Die neuen AMs betonen aber den Downhill deutlich stärker als früher, sind teils schon mehr Enduros als AMs.
  • 27,5" ist die beliebteste Laufradgröße im All-Mountain-Segment. Der Trend geht zu breiteren, stabilen Reifen von 2,35–2,6".
  • Fast alle Bikes besitzen 150-mm-Gabeln. Am Heck liegen jeweils 140–150 mm Federweg an.
  • Mit durchschnittlich 14,1 Kilo sind die Testbikes auch in Relation zum Preis (zu) schwer. Das geht zu Lasten der Agilität, des Vortriebs und damit der Vielseitigkeit. Auch wenn die durchwegs soliden Parts zu loben sind.

Das Testfeld im Überblick

Hersteller und Modell / Link zum Testbericht Preis Testurteil
Canyon Spectral AL 6.0 (2018) 2499 Euro Sehr gut - Testsieger
YT Jeffsy 27 AL (2018) 2299 Euro Sehr gut - Tipp Preis-Leistung
Cube Stereo 140 HPC 27.5 (2018) 2999 Euro Sehr gut
Giant Trance 2 (2018) 2399 Euro Sehr gut
Focus Jam Elite 27 (2018) 2199 Euro Gut
Haro Shift R9 LT(2018) 2399 Euro Gut
Votec VMs Comp(2018) 2399 Euro Gut

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Ein Bike. Für alles. Wer will das nicht? Ein MTB, bei dem unser Titelthema, das große Abenteuer auf Stollenreifen, nicht mit der Schotterpiste endet. Sondern da erst beginnt. Das Bike, das auch bei knackigsten Trails „Go“ sagt – nicht „No“. Das so robust ist, dass es jahrelang Spaß macht. Ein Bike, das aber auch leicht und effizient genug ist für lange Touren, für den Alpencross, den Hobby-Marathon.

Gibt’s nicht? Doch, gibt’s. Seit über einem Jahrzehnt empfehlen wir zum Alles-muss-gehen-Zweck das All-Mountain-Fully. Denn unter diesem mittelmäßig gelungenen Kunstbegriff tummeln sich die wahren Alleskönner unter den Bergfahrrädern. Aktuell mit 140–150 mm Federweg bewaffnet und zumeist auf 27,5"-Laufrädern/Reifen rollend, prügeln sie dank ihrer modernen, lang-flachen Geometrien fast auf Niveau eines 160-mm-Enduros über Stock und Stein. Sie haben aber auch die effiziente Sitzposition und wippfreie Hinterradfederung eines 120-mm-Tourenfullys inne.

Und den gerade schwer angesagten Trailbikes mit 130-mm-Fahrwerken waren und sind sie gar ein Vorbild – in Sachen spielerisch-frivolem Handling. Kurzum: All-Mountains sind der ideale Kompromiss. Aus leicht und schwer. Aus bergauf und bergab. Aus spurtreu und wendig. Aber, es ist wie im wahren Leben, Kompromisse kosten. Entweder Zugeständnisse oder Geld. Wer 4000 Euro und mehr loslösen kann, bekommt in der Tat den idealen Allrounder.

Maximal 12,5 bis 13 Kilo schwer, mit soliden und leichten Parts sowie Highend-Federelementen. Dazu noch womöglich mit dem Flair eines großen Namens. Aber was, wenn das Portmonnaie bei 2500 Euro „Schluss, kein Schritt weiter“ schreit? Dann sind Premiummar- ken wie Scott, Specialized & Co. schon mal passé, deren Bikes sind zu diesem Kurs kaum konkurrenzfähig. Der erste Blick wandert dann oft ins Online-Regal der sogenannten Versendermarken. Und auch wir haben Canyon, Votec, YT, Radon und Rose zu diesem Test geladen – wobei die beiden Letzteren absagen mussten.

Viele aber scheuen den Kauf im Internet. Zwar ist der Service der großen Direktvertriebler in den letzten Jahren immer besser geworden, die teils fehlende Möglichkeit einer Probefahrt (oder die damit verbundenen Umstände) ist aber ein klares Argument gegen Canyon & Co. Umso besser, dass es etablierte Fachhandelsmarken mit sehr attraktivem Preis-Leistungs-Verhältnis gibt, wie Cube, Focus und Giant in diesem Test beweisen. Als siebtes Bike stößt ein neuer, alter Bekannter dazu: Haro, einst die BMX-Kultmarke schlechthin, ist auf dem europäischen Markt zurück, kann dank großer Fertigungsstätte in Deutschland Räder zu fairen Preisen anbieten.

Und was bekommt man nun für 2200 bis 2500 Euro? Antwort: viel. Besser gesagt: zu viel. Denn unsere Testbikes drücken im Schnitt mit 14,1 Kilo auf die Waage. Heftig, denn vor fünf, sechs Jahren wogen All-Mountains dieser Preisklasse locker ein Kilo weniger. Woran liegt es? Zum einen natürlich an der gewachsenen Laufradgröße: 27,5" bringt im Vergleich zu 26" automatisch ein paar Gramm mehr mit. Zudem sind Vario-Sattelstützen auch in dieser Preisklasse inzwischen Standard, was rund 400 Gramm aufschlägt. Vor allem aber ist alles dicker, stabiler, abfahrtsbetonter geworden. Führten früher Federgabeln mit „windigen“ 32-mm-Standrohren, so setzen nun mit Ausnahme von Votec alle Hersteller auf wuchtiges 34-mm-Geröhr.

Bei den Felgen geht der Trend zu 30 mm Maulweite – einst waren es allerhöchstens 21 mm. Reifen unter 2,35" Breite sind ebenfalls Geschichte, Focus verbaut sogar 2,5", Can- yon 2,6". Und die Pneus sind fast alle klasse, weil die Firmen auf supergriffige und stabile Reifen aus dem Enduro-Segment setzen – Maxxis Minion und High Roller seien besonders gelobt, sie verleihen Canyon, Focus, Giant und YT ein gewaltiges Plus an Fahrsicherheit. All-Mountain 2018: bergab brennt der Berg! Wie überhaupt: Mit diesen Bikes lässt sich bergab kacheln, als gäbe es kein Morgen mehr! Vor nicht allzu langer Zeit wären Dampfhammer wie das YT jedem Enduro davongefahren – trotz „nur“ 150/140 mm Hub.

Auch das liegt an der Schwere, aber auch an den stark veränderten Geometrien. Die Lenkwinkel stehen mit rund 66,5° viel flacher als früher, Reach (siehe rechts), Oberrohr und Radstand sind gewachsen. Das alles bringt erheblich mehr Laufruhe und Highspeed-Kontrolle. Agilität und Wendigkeit holen sich die Bergab-Brachialos hingegen über ihre tiefen Schwerpunkte und kurzen Kettenstreben.

Nur, wie kommt man überhaupt berghoch? Durchweg mühsam, einzig das dafür bergab schwächere Votec fährt sich wirklich leichtfüßig. Das ebenfalls nicht zu schwere Canyon und die angenehm pedalierbaren Bikes von Cube und Giant machen auf langen Touren aber auch noch Spaß, mit Abstrichen das YT ebenso. Bei Haro und Focus ist hingegen buchstäblich Schwerstarbeit angesagt.

Kurz und Knapp

Foto: Redaktion

Wer ein schnelles, leichtfüßiges MTB für jeden Tag sucht, ist bei den 27,5"-All- Mountains in diesem Test größtenteils falsch. Fast alle haben ihre Stärken bergab – und sind da teils sogar herausragend gut mit famosem Handling, superrobusten Parts und feinen Federelementen/ Fahrwerken. Unterm Strich bleibt: Diese Bikes sind schwer. Aber auch schwer in Ordnung.

All-Mountain-Test: Punktevergabe und Bewertung

Foto: Redaktion

Jedem MOUNTAINBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punktematrix zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, gibt es die Ergebnistabelle bereits seit der letzten Saison zum Nachlesen. Wie jedes Jahr haben wir die Kategorien 2018 auf die Entwicklungen der Saison angepasst. Außerdem bewerten wir die Bikes etwas strenger. Es wird für die Hersteller jetzt schwerer, eine „überragende“ Bewertung zu bekommen. Im Umkehrschluss bedeutet „gut“ dann, dass das Bike auch wirklich eben gut und kein Reinfall ist.

Die Unterschiede zwischen einem „sehr guten“ Bike mit 220 Punkten und einem „sehr guten“ Rad mit 200 Punkten sind ebenfalls deutlicher bemerkbar. Modelle im unteren „sehr guten“ Bereich sind oft nicht so ausgewogen, dafür ist eine Charaktereigenschaft wie Downhill oder Vortriebseffizienz bisweilen stark ausgeprägt. Die Höchstpunktzahl bleibt bei 250 – aufgeteilt auf zwölf Bereiche. Ganz wichtig: Die jeweilige Gewichtung, wenn etwa für Downhill 20 oder aber 30 Punkte verteilt werden, passen wir an das jeweilige Testfeld an. Nur so lassen sich Räder innerhalb der völlig unterschiedlichen Kategorien bewerten und vergleichen.

Der Fokus bei den All-Mountain-Fullys liegt etwa mehr auf dem Fahrspaß und dem Handling, per se muss ein AM aber natürlich als Alleskönner überzeugen. Rund die Hälfte der Punkte (Gewicht Bike, Gewicht Rahmen, Rahmensteifigkeit, Ausstattung, Verarbeitung/Sonstiges) resultieren aus Laborergebnissen und der eingehenden Analyse unserer Techniker. Die anderen Punkte berechnen sich aus den (nicht abgebildeten) Einzelnoten der vier Testfahrer, die beim Praxistest unterwegs waren. Logo, das Bike mit den meisten Punkten erhält am Ende den Testsieg. Zudem vergeben wir einen zusätzlichen Tipp für das oder die Bike(s) mit außergewöhnlich gutem Preis-Leistungs-Verhältnis.

Der Biketest im Detail

Foto: Redaktion

Das Spinnennetz zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Bikes in Relation zum Testumfeld liegen. Je größer der Ausschlag in eine der acht Richtungen, desto prägender der Charakterzug. Ein Allrounder weist rundum eine große Fläche, ein Spezialist eine verschobene Grafik auf. Die jeweiligen Eigenschaften wie Up- oder Downhill sind meist gegensätzlich angeordnet. So siehst du auf einen Blick, welches Profil das Bike aufweist. Die Grafik unten zeigt ein eher abfahrtslastiges Bike mit potentem Fahrwerk – keinen wuseligen Sprinter. Und das versteckt sich hinter den Begriffen:

Uphill/Vortrieb: Passt die Traktion? Steigt die Front? Ist die Sitzposition im steilen Anstieg optimal? Ein niedriges Gewicht steigert den Ausschlag im Profil ebenso wie die Rollfreudigkeit von Laufrädern/Reifen.

Downhill: Ein sicheres Handling ist das A und O, damit ein Bike bergab performt. Dazu fließen die Federung sowie einige Parts wie das Cockpit, die Reifen oder die Bremsen in das Downhill-Profil ein.

Ausstattung: Umfasst sämtliche Parts wie Schaltung, Antrieb, Federelemente, Laufräder, Reifen oder Anbauteile wie Sattel, Griffe, Cockpit. Aber wir bewerten auch gelungene und innovative Detaillösungen.

Rahmen/Fahrwerk: Ein top gemachter Rahmen mit geringem Gewicht, hohen Steifigkeiten und perfektem Fahrwerk bildet die Basis für das perfekte Bike.

Laufruhe: Hohe Spurtreue bringt Sicherheit bergab, kann unter Umständen aber ins Träge kippen, speziell wenn der Profiler einen geringen Ausschlag zeigt in Sachen Wendigkeit.

Wendigkeit: Je wendiger ein Bike, desto agiler, spielerischer lässt es sich bewegen. Ein Ausschlag nur in diese Richtung (ohne hohen Ausschlag bei Laufruhe) lässt jedoch auf Nervosität schließen.

Robustheit: Liegt der Fokus bei Rahmen und Parts weniger auf Leichtbau, sondern auf Solidität, steigt der Ausschlag der Grafik. Der Gegenpart ist Leichtbau.

Geringes Gewicht: Niedriges Rahmen-, Parts- und Gesamtgewicht lassen auf ein spritziges, leichtfüßiges, in der Ebene wie im Uphill ausgezeichnetes Bike schließen.

So testen wir

Auswahl:
Das Testfeld entsteht in langen Diskussionen in der Redaktion. Wichtige Punkte sind dabei unter anderem das vorher festgelegte Preisfenster oder natürlich das Einsatzgebiet. Außerdem achten wir darauf, möglichst neue und/oder innovative Bikes aufzunehmen. Die Bikes werden bei den Herstellern angefordert, müssen drei Monate bei uns bleiben, ehe sie retourniert werden. Für diesen All-Mountain-Test fragten wir insgesamt 11 Hersteller an. Haibike (Seet AllMtn 7.0) und Radon (Slide FE 9.0) sagten mangels Verfügbarkeit ab, Müsing (Petrol 5) und Rose (Granite Chief 1), weil nur noch Restbestände vorhanden waren.

Praxistest:
Außer dem Testleiter sind bei jedem Biketest drei erfahrene Tester am Start. Jeder Tester fährt jedes Bike mindestens einmal über einen zur Kategorie passenden Kurs. Den Vergleich der All-Mountain-Fullys führten wir auf unserer bewährten Strecke in der Nähe von Stuttgart durch. Alle Bikes wurden bei kalten, aber konstanten Bedingungen gefahren. Nach jeder Runde notieren wir Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortrieb, Downhill oder Handling. Diese Bewertungen werden nach Ende des Praxistests unter allen Testern besprochen. Bei großen Unstimmigkeiten gehen Bike und Tester noch einmal auf die Strecke.

Labortest:
Unsere Techniker wiegen alle Bikes und zerlegen sie in ihre Einzelteile. Die Rahmen werden (wie Gabeln und Laufräder) einzeln gewogen, danach vermessen sowie auf ihre Güte hin (Lack- und Lagerqualität, Standards usw.) überprüft. Die Gewichte und Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern jeweils von uns ermittelt. Die Parts werden notiert und mit den Herstellerangaben verglichen. Anschließend vermessen unser Laborchef Haider Knall und sein Team auf Prüfständen des renommierten EFBE-Instituts die Steifigkeiten. Diese Werte fließen ebenfalls in die Bewertung der Bikes mit ein.