Test: Trailbikes in 29"

MTB-Test: Trailbikes

MountainBike TrailBike Test
Foto: Benjamin Hahn

Trailbikes sind die heißestens Räder der Saison – zumindest wenn man den Herstellern eben dieser 120/130-mm-Fullys Glauben schenkt. Wir erklären, was wir unter dem inflationär genutzten Begriff überhaupt verstehen – und haben sechs wunderbare 29"-Mountainbikes getestet. Vergleichbare Produkte im Test

Von uns getestet: 6 edle Fullys für Marathon und Tour

  • Sogenannte Trailbikes bieten nach unserer Definition 120–130 mm Federweg, sind aber abfahrts­ lastiger und spaßorientierter als konservative Tourenfullys mit dem identischen Federweg.
  • Wie bei den Tourenfullys setzen sich 29"­Laufräder mit 2,35" breiten Reifen mehr und mehr durch. Der Mix aus idealen Rolleigenschaften, top Fahr­ sicherheit und guter Agilität ist aktuell ideal.
  • Mit knapp über 13,8 Kilo im Schnitt sind die Testbikes keine Leichtgewichte – trotz durchaus strammer Preise von 3500 bis 4000 Euro.
  • Auch bei den Anbauteilen legen die Hersteller den Fokus aufs Bergab, die Parts sind zumeist robust, sinnvoll gewählt, aber selten aus dem Edelregal.

Das Testfeld im Überblick

Hersteller und Modell / Link zum Testbericht Preis Testurteil
Ghost SL AMR 9.9 LC (2018) 3900 Euro Sehr gut
Kona Satori DL (2018) 3499 Euro Sehr gut
Scott Spark 930 (2018) 3799 Euro Sehr gut
Specialized Stumpjumper ST Comp Carbon 29 (2018) 3999 Euro Sehr gut
Trek Fuel EX 9.7 29 (2018) 3499 Euro Sehr gut
BMC Speedfox 02 Three (2018) 3999 Euro Gut

Sie sind in aller Biker Munde. Trailbikes. Auf diversen Internet-Plattformen ist eigentlich jedes neue Bike ein Trailbike. Und die Marketing-Sprüche der Industrie klingen nur zu gut. Ein kleiner Auszug? „Der neue König im Trail-Dschungel.“ „Ride like the wind.“ „Ein schnelles und spritziges Mountainbike, das durch enge Kurven fliegt, knifflige Abfahrten meistert und herausfordernde Steinfelder problemlos durchquert.“

So werden drei der sechs Bikes in diesem Test angepriesen. Nur, was ist das überhaupt, so ein Trailbike? Ganz ehrlich, wir in der Redaktion tun uns mit dem Begriff schwer. Denn wenn diese Bikes auf Trails klasse sind, was sind dann Enduros? Super-Trailbikes? Und Freerider Mega-Trailbikes? Und überhaupt: Ist ein Bike, das auf dem Trail nicht gut ist, noch ein Mountainbike? Kurzum: teils viel Hype um wenig Neues. Dennoch wollen wir uns dem Trend nicht verschließen und haben den Kunstbegriff in unsere Kategorisierung aufgenommen.

Aber wir ziehen die Grenzen klar! Für uns ist ein Trailbike der frech-frivole Bruder des Tourenfullys. Der gleiche Federweg von 120–130 mm (und damit 10–20 mm weniger als an einem All-Mountain), aber mit bergab-lastiger Geometrie: flacher, länger, moderner. Dazu Parts, die ebenfalls mehr dem Lustbiken und weniger dem puren Vorankommen verpflichtet sind: fette Reifen und Felgen, kurz-breites Cockpit, seriöse (Vierkolben-)Bremsen, wuchtige Federelemente.

Der Fokus ist eindeutig: spaßorientiertes Biken auf Touren mit maximaler Trail-Konzentration. Schotter ist okay – zum Hochfahren. Ein gerüttelt Maß an Allround-Eigenschaften gehört aber selbstredend dazu. Mit einem Trailbike liftet man nicht, der Berg wird aus eigener Kraft erklommen. Dazu sind für uns nötig: eine ausgewogene, dezent vorgeschobene Sitzposition mit steilem Sitzwinkel um 74,5°, ein möglichst antriebsneutraler Hinterbau und ein halbwegs erträgliches Gewicht von knapp über 13 Kilo. Zumindest in dieser Preisklasse.

Newcomer und innovative Klassiker

Und damit in medias res: Stolze 3500 bis 4000 Euro kosten die sechs Testbikes, die von renommierten Herstellern stammen. Darunter mutige Neuentwicklungen wie das Kona Satori und teils ganz neu aufgelegte, höchst detailreiche Mega-Klassiker wie das Scott Spark, das Specialized Stumpjumper und das Trek Fuel EX. Aber auch BMC Speedfox und Ghost SL AMR warten mit eigenständigen Ansätzen auf wie die Kopplung von Vario-Stütze und Dämpfer am BMC oder das propere Stahlfederbein im Ghost.

Hier gibt es Technik zum Erleben! Allen Bikes gemein ist, dass sie auf 29"-Laufrädern rollen. Was erklärungsbedürftig ist. Denn die ersten als Trailbike angepriesenen Bergräder kamen vor zwei, drei Jahren in 27,5" daher – was ja gut zum Spiel-und-Spaß-Charakter passt(e). Für diesen Test wollten wir daher 27,5"- und 29"-Bikes einladen. Nur: Die Auswahl an 27,5-Zöllern ist nicht mehr so groß wie einst, weswegen wir den Test dann auf 29" beschränkt haben. Es zeichnet sich also ab, dass sich in diesem Segment 29" final durchsetzt, 27,5" den kleinen Rahmengrößen vorbehalten bleibt. Und wir finden das gut! Denn die Kombi aus großen Rädern und halbwegs überschaubaren Federwegen um 130 mm funktioniert exzellent.

Perfektes Überrollverhalten, maximale Fahrsicherheit und viel Komfort treffen auf ein immer noch erquickliches Maß an Drehfreude und Agilität. Dies ist den modernen Geometrien mit kurzen Heckpartien zu verdanken, die sich wiederum aus diversen Trends bei den Anbauteilen herausgeschält haben: Breite „Boost“-Achse, Einfach- Schaltungen à la Sram Eagle und Federbeine mit „Trunnion-Mount“-Standard erlauben viel Hub und fette Reifen auf kleinstem Raum. Womit wir beim einzigen großen Kritikpunkt wären, der fast alle Testbikes trifft.

Und der sich wie ein dunkelroter Faden durch die Tests dieser Saison zieht. Alles wird breiter, stabiler, abfahrtslastiger (gut), aber schwerer (nicht gut). Im Schnitt wiegen die sechs Testräder über 13,7 Kilo. Das ist keine Katastrophe, wirklich leichtfüßig fährt sich jedoch keines der Bikes. So verbaut beispielsweise nur Ghost Laufräder, die zugleich leicht und stabil und damit der Preisklasse angemessen sind. 4000 Euro muss man dem innerfamiliären Finanz- ministerium ja erst mal erklären ...

Auch wenn uns die gewünschte Spritzigkeit fehlt, diese Bikes passen wunderbar zu unserer Definition eines Trailbikes. Einzig das BMC – wahrlich kein schlechtes Bike – wäre in einem klassischen Tourenfully-Test wohl besser weggekommen. Der Rest macht das, was wir erhofft hatten: brutal viel Spaß auf dem Trail. Das eine ist dabei mehr der Allrounder (Scott), das andere abfahrtsbetonter (Ghost), das nächste ist schon ein wenig speziell (Kona) – toll sind sie alle.

Mit etwas Abstand zum Rest haben uns aber das preislich attraktive, rundum starke Trek und das traumhafte Specialized noch mehr begeistert. Letzteres wäre mit dezent besserer Steifigkeit und leichteren Laufrädern auch „überragend“.

Kurz und Knapp

Trailbikes sind trendy. Wir verstehen darunter Bikes mit 120/130 mm Federweg und vornehmlich 29"-Rädern, die sich auf Trail-lastigen Touren pudelwohl fühlen, sich dennoch ausdauernd und spritzig fahren lassen. Trotz höherer Gewichte erfüllen die Testbikes diese Anforderungen – und das zumeist mit starken Noten.

Punktevergabe und Benotung

Foto: Redaktion

Jedem MOUNTAINBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punktematrix zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, gibt es die Ergebnistabelle bereits seit der letzten Saison zum Nachlesen. Wie jedes Jahr haben wir die Kategorien 2018 auf die Entwicklungen der Saison angepasst. Außerdem bewerten wir die Bikes etwas strenger. Es wird für die Hersteller jetzt schwerer, eine „überragende“ Bewertung zu bekommen. Im Umkehrschluss bedeutet „gut“ dann, dass das Bike auch wirklich eben gut und kein Reinfall ist. Die Unterschiede zwischen einem „sehr guten“ Bike mit 220 Punkten und einem „sehr guten“ Rad mit 200 Punkten sind ebenfalls deutlicher bemerkbar. Modelle im unteren „sehr guten“ Bereich sind oft nicht so ausgewogen, dafür ist eine Charaktereigenschaft wie Downhill oder Vortriebseffizienz bisweilen stark ausgeprägt. Die Höchstpunktzahl bleibt 250 – aufgeteilt auf zwölf Bereiche.

Foto: Redaktion
Inkl. Federbein, Steckachse, Schaltauge, Zugführung, Flaschen- halterschrauben, fixem Rahmenschutz etc. 2Inkl. Steckachse 3Kompletter Laufradsatz, dazu Mantel, Schlauch (oder Milch+Ventile), ggf. Dichtband, Kassette und Bremsscheiben mit Verschraubung

Ganz wichtig: Die jeweilige Gewichtung, wenn etwa für Downhill 20 oder aber 30 Punkte verteilt werden, passen wir an das jeweilige Testfeld an. Nur so lassen sich Räder innerhalb der völlig unterschiedlichen Kategorien bewerten und vergleichen. Der Fokus bei den Trailbikes liegt etwa mehr auf dem Fahrspaß und dem Handling, per se muss ein 120/130-mm-Fully aber natürlich auch bergauf und als Allrounder überzeugen. Rund die Hälfte der Punkte (Gewicht Bike, Gewicht Rahmen, Rahmensteifigkeit, Ausstattung, Verarbeitung/Sonstiges) resultieren aus Laborergebnissen und der eingehenden Analyse unserer Techniker. Die ande- ren Punkte berechnen sich aus den (nicht abgebildeten) Einzelnoten der vier Testfahrer, die beim Praxistest unterwegs waren. Logo, das Bike mit den meisten Punkten erhält am Ende den Testsieg – diesmal das Specialized. Zudem vergeben wir einen zusätzlichen Tipp für das oder die Bike(s) mit außergewöhnlich gutem Preis-Leistungs-Verhältnis. In diesem Test verdient sich das Trek die Auszeichnung.

So liest du den Biketest

Das Spinnennetz zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Bikes in Relation zum Testumfeld liegen. Je größer der Ausschlag in eine der acht Richtungen, desto prägender der Charakterzug. Ein Allrounder weist rundum eine große Fläche, ein Spezialist eine verschobene Grafik auf. Die jeweiligen Eigenschaften wie Up- oder Downhill sind meist gegensätzlich angeordnet. So siehst du auf einen Blick, welches Profil das Bike aufweist. Die Grafik unten zeigt ein eher abfahrtslastiges Bike mit potentem Fahrwerk – keinen wuseligen Sprinter. Und das versteckt sich hinter den Begriffen:

Uphill/Vortrieb: Passt die Traktion? Steigt die Front? Ist die Sitzposition im steilen Anstieg optimal? Ein niedriges Gewicht steigert den Ausschlag im Profil ebenso wie die Rollfreudigkeit von Laufrädern/Reifen.

Downhill: Ein sicheres Handling ist das A und O, damit ein Bike bergab performt. Dazu fließen die Federung sowie einige Parts wie das Cockpit, die Reifen oder die Bremsen in das Downhill-Profil ein.

Ausstattung: Umfasst sämtliche Parts wie Schaltung, Antrieb, Federelemente, Laufräder, Reifen oder Anbauteile wie Sattel, Griffe, Cockpit. Aber wir bewerten auch gelungene und innovative Detaillösungen.

Rahmen/Fahrwerk: Ein top gemachter Rahmen mit geringem Gewicht, hohen Steifigkeiten und perfektem Fahrwerk bildet die Basis für das perfekte Bike.

Laufruhe: Hohe Spurtreue bringt Sicherheit bergab, kann unter Umständen aber ins Träge kippen, speziell wenn der Profiler einen geringen Ausschlag zeigt in Sachen Wendigkeit.

Wendigkeit: Je wendiger ein Bike, desto agiler, spielerischer lässt es sich bewegen. Ein Ausschlag nur in diese Richtung (ohne hohen Ausschlag bei Laufruhe) lässt jedoch auf Nervosität schließen.

Robustheit: Liegt der Fokus bei Rahmen und Parts weniger auf Leichtbau, sondern auf Solidität, steigt der Ausschlag der Grafik. Der Gegenpart ist Leichtbau.

Geringes Gewicht: Niedriges Rahmen-, Parts- und Gesamtgewicht lassen auf ein spritziges, leichtfüßiges, in der Ebene wie im Uphill ausgezeichnetes Bike schließen.

Und so testen wir

Foto: Redaktion

Auswahl: Das Testfeld entsteht in langen Diskussionen in der Redaktion. Wichtige Punkte sind dabei unter anderem das vorher festgelegte Preisfenster oder natürlich das Einsatzgebiet. Außerdem achten wir darauf, möglichst neue und/oder innovative Bikes aufzunehmen. Die Bikes werden bei den Herstellern angefordert, müssen drei Monate bei uns bleiben, ehe sie retourniert werden. Für diesen Trail- und Tourenbiketest fragten wir sieben Hersteller an. Nur Rocky Mountain musste für das Thunderbolt Carbon 30 absagen, da es nahezu ausverkauft ist.

Praxistest: Außer dem Testleiter sind bei jedem Biketest drei erfahrene Tester am Start. Jeder Tester fährt jedes Bike mindestens einmal über einen zur Kategorie passenden Kurs. Den Vergleich der Trailbikes führten wir auf unserer bewährten Strecke in der Nähe von Stuttgart durch. Alle Bikes wurden bei warmen, zumeist trockenen und konstanten Bedingungen gefahren. Nach jeder Runde notieren wir Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortrieb, Downhill oder Handling. Diese Bewertungen werden nach Ende des Praxistests unter allen Testern besprochen. Bei großen Unstimmigkeiten gehen Bike und Tester noch einmal auf die Strecke.

Labortest: Unsere Techniker wiegen alle Bikes und zerlegen sie in ihre Einzelteile. Die Rahmen werden (wie Gabeln und Laufräder) einzeln gewogen, danach vermessen sowie auf ihre Güte hin (Lack- und Lagerqualität, vorhandene Standards, Besonderheiten usw.) überprüft. Ganz wichtig: Die Gewichte und Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern jeweils von uns ermittelt. Die Parts werden notiert und mit den Herstellerangaben verglichen. Anschließend vermessen unser Laborchef Haider Knall und sein Team auf Prüfständen des renommierten EFBE-Instituts die Steifigkeiten. Diese Werte fließen ebenfalls in die Bewertung der Bikes mit ein.

Testredakteur André Schmidt:

„Eigenständige Kinematiken, tolle Detail-Lösungen und auffällige Silhouetten – die Trailbikes machen einfach jeden an.“