8 MTB-Scheibenbremsen im Labor- und Praxis-Test

Test: 8 MTB-Scheibenbremsen

Scheibenbremse
Foto: Benjamin Hahn

Bremsen sind die vielleicht beliebtesten Parts zum Nachrüsten – sowohl bei älteren Bikes wie an eher preisgünstigeren Kompletträdern. Doch wie viel Geld muss man für eine sehr gute Bremse ausgeben? Verzögern auch Modelle unterhalb der Highend-Klasse zuverlässig? Vergleichbare Produkte im Test

Magura MT7, Trickstuff Direttissima oder Shimano Saint heißen die wohl besten MTB-Bremsen der Welt. Unverrückbar standfest, mit präziser Kraftentwicklung, superber Bremspower und jeder Einstelloption, die das Herz begehrt. Dabei sind diese Bremsen aber auch teuer. Doch braucht der Biker überhaupt die Bremsen der Güteklasse A? Oder hebt sich die Highend-Klasse von ihren günstigeren Gegenstücken nur durch Details wie etwas weniger Gewicht und bessere Griffweiten- und Druckpunktverstellungen ab?

Wir wollten es wissen und haben acht „Mittelklasse“-Bremsen von rund 200 bis 350 Euro (im Set) zum Test in Labor und Praxis eingeladen. Vier Stopper für CC- und Tourenbiker mit zwei Kolben und drei Stopper mit vier Kolben für den härteren Einsatz an All- Mountain-Bikes, Enduros sowie E-MTBs. Sowie die Magura MT Trail Sport mit vier Kolben vorne, zwei Kolben hinten.

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Bremspower in Zahlen

Im Labor des Technikums in Wien haben wir die Bremskraft mit einer 180-mm-Scheibe bei Nässe und Trockenheit messen lassen. Um die Aussage realistischer zu machen, haben die Mitarbeiter die Werte auf den Aufstandspunkt eines 26"-Reifens hochgerechnet. So siehst du, wie viel Power die Stopper auf die Straße bringen, und nicht nur, wie stark die Verzögerung an der Disc ist. Bei Zweikolbenbremsen sind Werte über 350 N top, bei Vierkolbenbremsen Werte über 400 N.

Foto: Redaktion
So viel Kraft bringen die Bremsen aus dem Test auf die Straße.

Tatsächlich fallen die Unterschiede zwischen Topbremsen und unseren Modellen sofort auf. Nur eine Bremse in unserem Testfeld verfügt über Drehknöpfe für beide wichtigen Einstellungen am Bremshebel: Druckpunkt und Griffweite. Hope übertrumpft mit der edlen Tech 3 X2 hier alle Konkurrenten, was den Vorsprung der britischen Bremse im Bereich Ergonomie noch erhöht.

Zumindest die Griffweitenverstellung ist aber an allen Bremsen vorhanden. Manchmal werkzeuglos per Drehrad, meistens ist aber ein kleiner Innensechskant nötig. So oder so: Dieses Feature ist ungemein wichtig und auch im mittleren Preisbereich ein absolutes Muss. Steht der Hebel zu weit weg oder zu nah am Lenker, lässt sich die Bremse selbst bei korrekter Ausrichtung nicht präzise modulieren.

Die wichtigsten Begriffe rund um moderne Mountainbike-Scheibenbremsen

Dagegen ist die Druckpunkt- oder Leerwegverstellung nur ein angenehmes, aber weniger notwendiges Detail, das die meisten Hersteller in der Mittelklasse aussparen. Mit gutem Grund. Da moderne Bremsen die Kolben automatisch nachstellen, sprich die Entfernung von Bremsbelag zu Scheibe gleich bleibt, bleibt grundsätzlich auch der Druckpunkt konstant. Ist das nicht der Fall, haben die Leitungen wahrscheinlich Luft oder Wasser gezogen. Dann solltest du besser das System entlüften oder neu befüllen, als das Problem durch mechanisches Verkürzen des Leerwegs beiseite zu schieben und zu verschleppen.

Beim Kauf der Bremse ist es deshalb wichtiger, dass du den Druckpunkt deiner Bremse als angenehm empfindest. Denn hier entscheiden sich die unterschiedlichen Bremsen in der Regel massiv, selbst innerhalb einer Marke. Während die Sram Level TL zum Beispiel einen knackigen, harten Druckpunkt hat, ist er bei der Sram Code R zwar definiert, aber eher weich. Ersteres ist für Biker mit „digitalem“ Bremsfinger ideal, die immer mit viel Handkraft zupacken. Bei der Sram Code R lässt sich die Kraft dagegen super bis zum Anschlag steigern. Das erlaubt das Spiel mit der Bremskraft ohne Blockieren der Reifen, etwa wenn du durch verblockte Hohlwege und enge Kehren schlängeln musst.

Während der Druckpunkt in gewissem Maße Geschmacksache ist, gibt es bei der Bremskraft nur eine Wahrheit: Genug muss es sein. Das liefern (fast) alle Testteilnehmer. Brachiale Bremsen wie die Magura MT7 oder die Trickstuff Direttissima sind aber nicht darunter. Die meisten Testteilnehmer beißen kräftig, aber mit eher angenehmer Kraftentfaltung zu.

Kurz und knapp: Das müssen Bremsen leisten

Bremsen aus dem mittleren Preissegment haben oft weniger Einstellmöglichkeiten als Highend- Bremsen, verzögern aber dennoch kräftig und angenehm. Der Kauf lohnt!

Aktueller Preisvergleich zu den getesteten Scheibenbremsen (soweit verfügbar)


So testen wir Bremsen

Verlässliche Aussagen über die Leistung der Bremsen sind nur auf Basis von Laborwerten und Erfahrungen aus der Praxis möglich. Deshalb haben wir das komplette Testfeld zuerst an das Labor des Studiengangs für Sport Equipment Technology am Technikum in Wien geschickt. Dort spannten die Mitarbeiter jedes Modell mit einer 180er-Disc auf den Prüfstand. Die erhobenen Werte liefern die Basis für objektive Aussagen zu Bremskraft und Standfestigkeit der Stopper.

Zur Ermittlung der Bremskraft dreht ein Motor die Bremsscheibe mit konstanter Drehzahl, während ein Pneumatikzylinder den Hebel mit 60 Newton betätigt. Währenddessen misst eine hochpräzise Kraftmesszelle das entstehende Bremsmoment. Anschließend haben die Labormitarbeiter die Werte auf den Aufstandspunkt eines Reifens mit 26"-Durchmesser hochgerechnet. Die Werte verdeutlichen somit die Bremspower auf der Straße und nicht nur die Verzögerung am Rotor selbst.

Der gleiche Durchlauf erfolgte mit jedem System noch einmal mit nassen Bremsscheiben. Bezüglich der Hebelkraft haben wir unser Vorgehen in diesem Jahr an die Realität angepasst. Anstatt wie früher mit 80 Newton wurden die Hebel mit 60 Newton betätigt. Dieser Wert ergibt sich auf Basis verschiedener Messungen, die am Technikum Wien bei Feldtests im Rahmen von Studienarbeiten erhoben worden sind. Dabei kam heraus, dass Biker unter Anspannung in steilem Gelände mit bis zu 60 Newton Handkraft auf den Bremshebel drücken. Auf flachen und weniger abfallenden Strecken liegt die Handkraft zwischen 45 und 55 Newton, weil das Tempo geringer, das Gelände einfacher und der Fahrer angespannter ist.

Zur Ermittlung der Ausdauer durchliefen alle acht Bremsen Zyklen mit konstanter Bremskraft, die ein Mikroprozessor regelt: Sobald die Temperatur der Bremsscheibe zu hoch wird oder die Bremskraft rapide unter einen bestimmten Wert fällt, bricht der Computer den Test automatisch ab. Die Anzahl der durchlaufenen Bremszyklen fließt in die Bewertung der Standfestigkeit ein.

Da die Bremsen auf dem Prüfstand „unnatürlich“ überbelastet werden, sind zusätzliche Testfahrten unersetzbar. Auch unsere Strecke in der Bike Republic Sölden ist für die Bremsen ein absoluter Härtetest. Um die Standfestigkeit zu überprüfen, sind wir zuerst mit durchwegs gezogener Bremse die Servicestraße von der Bergstation der Giggijochbahn ins Dorf Hochsölden gefahren. Das kurze geschotterte Sträßchen überwindet auf knapp einem Kilometer Strecke mit 20 Prozent Durchschnittsgefälle rund 200 Höhenmeter. Das steilste Teilstück sinkt mit 40 Prozent Gefälle ins Tal.

Danach folgte der Test auf dem anspruchsvollen Traien Trail. Drei Tester jagten jede Bremse mindestens einmal durch enge Spitzkehren, verblockte Rinnen, verzwickte Kurvenpassagen sowie über kurze Steilstücke den Hang runter. Perfekte und realitätsnahe Bedingungen. Sie ermöglichen Rückschlüsse, wie gut die teils hohen theoretischen Kräfte mancher Bremsen modulierbar sind. Bisweilen zeigt sich die Standfestigkeit auf dem Trail auch anders als unter Laborbedingungen. Darüber hinaus ist der Praxistest wichtig, um die ergonomischen Eigenschaften der Bremsen zu überprüfen. Schließlich bringt kein Biker die höchste Bremspower gut dosiert auf den Trail, wenn der Hebel zu weit vom Lenker absteht oder schlecht unter dem Finger liegt.